Mit freundlicher Genehmigung der Heidenheimer Zeitung - Redakteur u. Fotos: René Rosin

 

IG Modellhubschrauber Die Pandemie hat vielen Vereinen große Schwierigkei-ten bereitet, einige stehen sogar vor ihrer Auflösung. Eine Dettinger Interessen-gemeinschaft hat diese Probleme nicht.

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Der schönste Platz der Welt liegt irgendwo im Nirgendwo, knapp 1500 Meter Luftlinie entfernt vom Ortsrand Dettingens. Hier steht neben einem Klohäuschen auf einer Wiese ein Container, dahinter eine Parkbank mit Blickrichtung Sonnen-untergang, 30 Meter entfernt gibt es noch eine weitere winzige Holzhütte. Ringsum liegen Felder, hinter den Feldern wächst Wald, und dahinter liegt in nördlicher Richtung das Ugental. Die Sonne scheint an diesem Nachmittag von einem wolkenlosen Himmel herab, in der Luft kreist ein Rotmilan und es weht eine frische Brise.

Der Container wird zum Hangar

Zugegeben, es ist tatsächlich recht nett hier, aber um dieses Fleckchen für den schönsten Platz der Welt zu halten, muss man sie – die Welt – durch die Augen eines Enthusiasten betrachten. Jochen Haugk ist so ein Enthusiast, und wenn er über diese Wiese spricht, dann nennt er sie tatsächlich „den schönsten Platz der Welt“. Versetzt man sich gedanklich in seine Welt, dann wird der Container zu einem Hangar, die Holzhütte wächst zum Tower und die Wiese zu einem Flug-platz. „Das ist mein Outdoor-Wohnzimmer. Ich bin eigentlich jeden Tag hier“, sagt er und korrigiert lachend den Reporter: „Eigentlich heißt es „Aufstiegsge-lände“. Und nicht Flugplatz.

Grundstein in der Langeweile
Jochen Haugk ist erster Vorsitzender der IG Modellhubschrauber Dettingen e. V., auf ihn geht die Gründung dieses Vereins im Jahr 2009 zurück. Für den Ex-Polizisten erfüllte sich der „Traum vom Fliegen“ vier Jahre zuvor quasi aus ge-sundheitlichen Gründen: „Ich war krankgeschrieben, und mir war stinklangwei-lig. Da habe ich mir einen billigen Flieger gekauft und bin hier rausgefahren.
Seit diesem Tag hat ihn die Fliegerei nicht mehr losgelassen. Er fand dann sechs Gleichgesinnte, gründete den Verein, der mittlerweile 45 Mitglieder hat. Der „harte Kern“, wie ihn Haugk bezeichnet, zählt etwa 15 Personen. „Die sind auch fast täglich da, mitunter sitzen wir hier bis in die Nacht. Hier wird sogar Pizza raus geliefert“, fügt er an und lacht.

Ein teures Hobby
Bei den Dettinger Modellhubschrauber-Piloten gibt es also fast jeden Tag Ver-einsleben. „Wir haben hier jede Menge Spaß, hier wird viel gelacht“, erläutert Haugk, natürlich lachend, für ihn ist der Verein so etwas wie eine Familie. Bei seiner Gründung richtete sich der Verein explizit an Modellhubschrauber-Interessierte, mittlerweile hat man sich aber auch für Flugzeugfreunde geöffnet. „Damit haben wir nur angefangen, weil wir Jugendarbeit machen wollten“, erläu-tert Haugk. Denn die Modellhubschrauberfliegerei hat bei aller Faszination ein großes Problem: Sie ist sehr teuer. Die Modelle kosten mehrere Tausend Euro. Geld, das die allerwenigsten Jugendlichen in ein Hobby investieren können.

Flugzeuge hingegen sind wesentlich günstiger. „Und so hat das mit der Flächen-fliegerei hier angefangen“, erklärt Haugk. Er hat also ganz bewusst das Tätig-keitsspektrum seines Vereins verbreitert, um attraktiver für potentielle neue Mit-glieder zu werden. „Die Jugendlichen lernen dann hier in der Regel das Fliegen“, so Haugk. Das jüngste Mitglied ist 14, das älteste 87. „Der hat aber auch erst mit 85 mit dem Fliegen angefangen“, ergänzt Haugk. Für Mitgliederakquise ist es also offenbar nie zu spät.
Seine Werbung will Haugk dieses Jahr deshalb auch noch ausbauen. „Wer Lust und Interesse hat, der soll hier rauskommen. Der muss nichts kaufen, der muss auch nichts mitbringen, es ist alles da.“ Modellfliegen auf Probe unter fachkundi-ger Anleitung. Aber auch Haugk gibt zu: „Es ist schwierig heutzutage, die Kinder von ihren Computern wegzubekommen. Die hocken lieber da und daddeln und zocken.“

Mit 14 Jahren der Jüngste
Julius Schmidt hat zwar auch einen Computer, trotzdem hat er den Weg zu den Dettinger Modellfliegern gefunden. Der aufgeweckte Lockenkopf ist mit 14 Jah-ren das jüngste Mitglied des Vereins. Julius ist quasi auf die klassische Art und Weise zu den Modellfliegern gestoßen: „Mein Papa hat das früher auch schon gemacht. Und bei meinen Großeltern habe ich immer die Flieger gesehen, und da wollte ich immer einen mitnehmen.“ Irgendwann hat das dann geklappt, und so feiert er im nächsten Monat seine einjährige Vereinsmitgliedschaft.

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Im Normalfall steht Julius Schmidt zweimal in der Woche auf den Dettinger „Auf-stiegsgelände“. Ihm macht das Vereinsleben viel Spaß, „die Stimmung hier ist einfach gut“. Zu Hause im Keller bastelt er auch selbst an den Fluggeräten, und so verbringt Julius tatsächlich täglich ein bis zwei Stunden mit der Modellflieger-ei. Der Umgang mit komplizierter Technik schreckt ihn nicht, bereits im Kinder-gartenalter spielte Julius mit einem Elektrobaukasten: „Das Gleiche machen wir jetzt in der Schule der achten Klasse“.

Mehrere Ämter auf einmal
Nun ist aber auch bei den Dettinger Modellfliegern nicht alles eitel Sonnenschein. Denn auch in diesem Verein möchten die wenigsten Mitglieder Ämter wie zum Beispiel das eines Schriftführers bekleiden. Arbeit, die dann häufig Jochen Haugk auch noch mit erledigen muss. „Der Jochen macht schon extrem viel“, sagt des-halb auch Michael Hofherr. Er ist der zweite Vorsitzende der Dettinger Modellflie-ger und ergänzt: „Leute für solche Arbeiten zu finden, das ist schon schwierig“. Die Posten der beiden Vereinsvorsitzenden und der des Kassierers waren schnell besetzt, nur ums Protokoll hat sich niemand gerissen. Und deshalb sagt Jochen Haugk: „Schriftführer bin ich natürlich auch noch.

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Die Pandemie haben die Dettinger Modellflieger ohne größeren Absturz über-standen. Zwar waren in der Hochzeit des Lockdowns die Versammlungstätigkeit und der Flugbetrieb auf ein Minimum eingeschränkt, „aber ansonsten ist alles beim Alten geblieben“, sagt Jochen Haugk. Auf die Größe des Vereins hatte Corona keinen Einfluss, niemand hat wegen der pandemiebedingten Einschrän-kungen der Vereinstätigkeit seine Mitgliedschaft gekündigt.

Haugk bleibt Vorsitzender
Am vergangenen Samstag fand die Jahreshauptversammlung der IG Modellhub-schrauber Dettingen e.V. statt. Jochen Haugk wurde als erster Vorsitzender des Vereins von 100 Prozent der anwesenden stimmberechtigten Vereinsmitglieder in seinem Amt bestätigt. Außerdem wurde eine Satzungsänderung beantragt: Am 31. August dieses Jahres läuft die gesetzliche Sonderregelung zur Durchführung hybrider Mitgliederversammlungen aus. Vereine, die diese Form der Versamm-lung über diesen Stichtag hinaus nutzen möchten, müssen das in ihrer Satzung verankern.

 

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